Klassische Brennweiten

Gibt es eigentlich DIE klassischen Brennweiten überhaupt? Wer schreibt einem denn vor, mit 24 Millimeter nur Landschaften zu fotografieren, mit 80 Millimeter ausschließlich Portraits und mit 400 Millimetern dürfen nur Vögel und Sportler fotografiert werden? 

Klar ist, in manchen Situationen bieten sich schlicht keine anderen Brennweiten an. Im Tierpark steht man mit einem Weitwinkel-Objektiv oft auf verlorenem Posten. Die Tiere zu klein, das Gehege nicht schön genug und wenn es ganz dumm läuft dann tauchen links und rechts plötzlich auch noch Besucher im Bildausschnitt auf. Der Tierpark ist oftmals erst mit langen Brennweiten so richtig schön.

Wenn zwischen dem Fotografen und dem Motiv nichts steht. Wenn der Löwe formatfüllend im Sucher auftaucht, das Bild aussieht, als stände man direkt vor dem Tier. Oder man treibt es, wie ich im Sommer, auf die Spitze. Mit dem SIGMA 150-600mm f5-6,3 aus der Contempoary Line kam ich so nah an die Tiere ran wie nie zuvor. Oftmals war ich bei 600mm schon zu nah dran. Doch dann fokussierte ich eben auf spannende Details, lichtete Ohren von Tigern oder das Federkleid eines Pfaus ab. Brennweite ist hier absolut Trumpf!

Weitwinkel für Landschaftsaufnahmen. Diese Regel ist ja schon fast in Stein gemeißelt. Immerhin will man ja möglichst viel einer schönen Landschaft auf den Sensor bannen. 24 Millimeter sind Pflicht, alles was kleiner ist noch besser. Das Canon 11-24mm f4 L ist nicht umsonst eine der beliebtesten Linsen unter den Landschaftsfotografen.

Das Problem dabei: Oft vergessen Fotografen einen Vordergrund bei ihrer Landschaftsaufnahme. Dieser ist aber eminent wichtig, um Tiefe in das Bild zu bringen, um dem Betrachter einen Startpunkt für die Erkundung der Aufnahme zu geben und nicht zuletzt um der Aufnahme auch etwas Spannung zu geben. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: Vordergrund macht Bild gesund.

Dazwischen ist sicherlich jede Menge Raum für die klassischen Portraits. 35 Millimeter für Ganzkörperportraits, 50 Millimeter für Oberkörper, 80 Millimeter für Kopfportraits. Soll es etwas mehr Abstand zwischen Modell und Fotograf sein, dürfen die 135 Millimeter im Kamerarucksack nicht fehlen.

Es wäre sehr traurig, wenn man in einem künstlerischen Berufsfeld so eingeschränkt wäre nicht? Ob ein Maler seine Hintergründe nun mit einem Borstenpinsel oder einem aus Kunsthaar malt ist doch egal? Oder etwa nicht?

Oftmals sieht man, gerade bei neutralen Hintergründen Aufnahmen aus dem Studio nicht an, mit welcher Brennweite sie gemacht wurden. On Location sieht die Sache schon etwas anders aus. Letztendlich ist es auch eine Frage, wieviel Platz vorhanden ist, wie weit der Fotograf sich von seinem Model entfernen kann und natürlich, welche Brennweiten überhaupt zur Verfügung stehen. Ein Grundsatz sagt: Master the gear you have. Erst wenn man mit dem Equipment, was man bereits hat, an Grenzen stößt, dann kann neues angeschafft werden. Für Neulinge heißt das: Erst wenn man mit dem Kit-Objektiv, etwa ein 18-55mm Standartzoom an kreative oder technische Grenzen stößt sollte mit neuen Brennweiten aufgestockt werden.

Meiner Meinung nach genießt die Brennweite zu Unrecht einen gestalterischen unwichtigen Ruf. Daher mein Rat: Fotografen sollten die Brennweite als weiteres, gestalterisches Mittel sehen und sich die spezifischen Effekte, die mit ihr einher gehen zunutze machen.

Kurze Brennweiten besitzen einen großen Bildwinkel, dementsprechend wird neben der portraitierten Person auch sehr viel Umgebung mit einbezogen. Ist das prinzipiell schlecht? Nein, denn es kann ja sein, dass ich die Person gerade in ihrer Umgebung zeigen möchte.

Natürlich hätte ich mit einer langen Brennweite versuchen können, Sie ohne störendes Tuch abzulichten. Aber woher soll der Betrachter wissen, dass Sie vorher damit getanzt hat und es dann elegant weggeworfen hat?

Aufpassen sollte man dabei nur auf eine möglichst deutliche Figur-Grund-Beziehung. Das bedeutet, die Person soll sich immer noch deutlich von der Umgebung lösen. Da man diese bei Weitwinkel-Aufnahmen aber nur schwer durch Unschärfe vom Hintergrund separieren kann, muss dies etwa über Farbe oder Beleuchtung passieren.

Einfacher ist es da, eine längere Brennweite zu benutzen. Je länger die Brennweite, desto geringer fällt die Schärfentiefe aus, desto eher kann ich eine Person vor einem Hintergrund freistellen. Ein enger Bildwinkel blendet unschöne Bildelemente einfach aus, Abstände werden optisch stark verkürzt. Eine lange Brennweite kann also dazu genutzt werden, eigentlich große Abstände verschwinden zu lassen und Nähe zu verbildlichen. Dies machte ich hier bei diesem Freundschafts-Portrait zunutze. Mit einem Weitwinkel wäre jeder Abstand zwischen den beiden Frauen noch zusätzlich vergrößert worden. Die verwendeten 200 Millimeter rückten beide Modell dagegen noch enger zusammen.

Im Gegensatz dazu vergrößert eine kurze Brennweite die optischen Abstände zusätzlich. So kann zum Beispiel eine Feindschaft im Bild (etwa bei Portraits von Boxern) noch zusätzlich verstärkt werden.

Interessanterweisen können auch Landschaftsaufnahmen von längeren Brennweiten profitieren. Ich gehe des öfteren ganz bewusst mit meinem Sigma 70-200 f2,8 auf Fototour und nehme mir vor, ausschließlich Landschaften damit zu fotografieren. Das schult den fotografischen Blick für Details, man konzentriert sich nicht auf die Weite sondern eher auf ein Zusammenspiel von Vorder- und Hintergrund.

Und nicht zuletzt lernt man auch sein Weitwinkel-Objektiv wieder richtig zu schätzen, wenn man einen traumhaften Sonnenuntergang einfach nicht abblichten kann, weil man eben nur ein Objektiv mit 70 Millimetern dabei hat.

Daher meine Meinung, ja es gibt sie, die klassischen Brennweiten für verschiedene Situationen. Lange Brennweiten zum Freistellen, Weitwinkel für Landschaften. Alles was zwischen 35 und 135 liegt für Portraits. Und ja, es macht durchaus Sinn, diese auch dort zu benutzen, wo sie sinnvoll sind. Aber ein Verbot, andere Brennweiten zu benutzen gibt es nicht. Ganz im Gegenteil.

Oftmals ist es von Vorteil, sich aus dem bekannten Raster heraus zu bewegen, neue Wege zu gehen und alternative Brennweiten zu benutzen. Gerade als gestalterisches Element wird die Brennweite oft unterschätzt. Hier heißt es immer nur Blende, Verschlusszeit und Bildaufbau. Wer aber einmal die gestalterischen Effekte, die unterschiedliche Brennweiten liefern zu nutze gemacht hat, der wird sie auch öfter nutzen und so eine weitere Möglichkeit finden, spannendere Bilder zu machen und sich von anderen Fotografen abzuheben.