Droht das Ende von APS-C?

Photokina 2018 - Panasonic stellt mit S1 die erste Vollformat-Kamera des Unternehmens vor. Leica und Sigma gründen zusammen mit Panasonic die L-Allianz mit dem Ziel, den Vollformat-Markt zu erobern. Canon und Nikon bringen kurz vor der photokina ihre spiegellosen Kleinbild-Kameras EOS R beziehungsweise Z6 und Z7 raus. Zeiss überrascht die Branche ebenfalls mit einer Vollformat-Kamera.

Und was tut sich derweil im APS-C Sektor? Nichts. - Ist das Aufkommen von immer mehr hochwertigen Kleinbild-Kameras gleichzeitig das Todesurteil von APS-C Sensoren? 

Um diese Frage zu beantworten sollte man sich vor Augen führen, welche Vorteile APS-C Kameras gegenüber der Vollformat-Konkurrenz noch bieten - beziehungsweise eben genau nicht mehr bieten: 

Preis:  

APS-C Kameras (engl.: Advanced Photo System type-C) sind in aller Regel günstiger als Vollformat-Kameras. Das Vollformat (36mm x 24mm) galt lange als Mindestmaß für professionelle Fotografen, also diejenigen, die Geld investieren wollen und dafür das Nonplus-Ultra als Qualität verlangen (Sportfotografen natürlich ausgenommen.)  Das APS-C Format war den Amateuren und ambitionierten Hobbyfotografen vorbehalten - eine deutlich weniger kaufkräftige Zielgruppe. Auch speckten die Kameras an Funktionen ab. Weniger Megapixel, selten Staub- und Spritzwasserschutz, fehlende Foto- und Videomöglichkeiten störten aber viele Kunden nicht. Interessanterweise hat sich das nicht großartig geändert. Die günstigsten Vollformat-Boliden sind immer noch deutlich teurer als hochwertige APS-C Kameras. Dafür hat sich jedoch das Kaufverhalten geändert. Selbst Amateure oder Hobbyfotografen sind bereit, deutlich mehr Geld in die eigene Fotoausrüstung zu investieren - und greifen daher immer öfter zur Vollformat-Knipse. 

APS-C bleibt den Familienvätern - und Müttern vorbehalten, die jeden Samstag das Fußballspiel der eigenen Kinder fotografieren möchten und mit dem Smartphone nicht nah genug ran kommen.

Objektivauswahl: 

Objektive für APS-C Kameras sind meist günstiger, kleiner, leichter und damit doch eigentlich nur im Vorteil gegenüber teils klobigen Vollformat-Linsen, oder? Leider nein, denn auf die neue Kaufbereitschaft für hochwertige Kameras reagieren auch andere (Objektiv-)Hersteller. Subjektiv betrachtet wird deutlich mehr Aufwand in die Entwicklung hochwertiger Vollformat-Linsen gesteckt als in APS-C Objektive. Neben den exzellenten Objektiven aus Sigmas Art, Contemporary und Sport Line und Tamrons SuperPerformance Linsen steigen auch Samyang und Tokina auf den Vollformat-Zug mit auf und produzieren „billigere“ und dennoch optisch hochwertige Linsen für das große Sensorformat.

Es scheint, als würden für APS-C nur die klassischen Reisezooms wie das Tamron 16-400 bleiben um die eigenen Kinder beim Fußballspiel zu fotografieren. Und über die optische Qualität solcher „Allzweck-Objektive“ brauchen wir nicht zu reden.

Baugröße: 

Vollformat-Kameras wie die Nikon D850 oder die Canon 5D MK IV sind groß und schwer. Müssen sie ja auch sein für den harten Alltag eines professionellen Werkzeugs. Sie bieten einen Handgriff, der groß genug ist um die Kamera auch mehrere Stunden am Tag komfortabel tragen zu können, Staub und Spritzwasserschutz sind fast schon eine Selbstverständlichkeit und zwei Kartenschächte sichern den typischen Hochzeitsfotografen zuverlässig gegen Datenverlust. APS-C Kameras können, alleine schon wegen des kleineren Sensor-Formates deutlich kleiner konstruiert und gebaut werden. Sie eigenen sich daher besser als alltägliche Begleiter bei Ausflügen, Wandertouren und Reisen. Doch spätestens seit der Einführung der spiegellosen Vollformatkameras (allen voran Sony mit der 7er Reihe) ist dieser Vorteil von APS-C Kameras dahin. Canon und Nikon haben mit der EOS R beziehungsweise Z6 und Z7 nachgezogen. Panasonic tritt mit der S1 in den spiegellosen Vollformat-Ring. Die genannten Kameras sind alle deutlich kleiner als klassische APS-C-Gehäuse.

So nützen die Halbformat-Kameras nur für das allsamstägliche Fußballspiel der eigenen Kinder, bei dem die Kamera locker über der Schulter baumelt und nur bei Torjubeln in die Höhe gerissen wird.

Funfact zum Schluss: 

Ein Hersteller lässt den Sprung auf Vollformat übrigens auch auf lange Sicht komplett aus. Fujifilm hat mit der XT, XPro und XE Serie gleich drei überzeugende Kamerareihen auf dem Markt und greift mit der GFX-Serie gleich nach den Mittelformat-Sternen. Spannend! 

Ob man aber mit einer 50-Megapixel-5000-Euro-Kamera das Fußballspiel am Samstag Vormittag gegen die direkte Tabellenkonkurrenz fotografieren möchte, muss jeder für sich entscheiden. 

Fazit: 

Ja, auch ich habe noch eine APS-C Kamera im Schrank und nein, ich benutze sie nicht. Außer vielleicht, wenn meine Kinder später mal auf dem Fußballplatz stehen und ich mit meinem Tamron 16-400 Millimeter von der taktischen Übersicht bis hin zum Lächeln im Gesicht meines Sohnes alles mit nur einem Dreh am Zoomring einfangen kann. Bis dahin bleibe ich beim Vollformat.

Disclaimer: 

Nein ich rede hier nicht von den Hochzeitsfotografen, die mit APS-C Kameras glücklich sind und wirklich atemberaubend-emotionale Bilder machen. Nein, ich rede hier nicht von den vielen Filmern und Video-Produzenten, die mit Panasonics GH Reihe den professionellen Film gerade revolutionieren und nein, ich rede auch nicht von Sonys A6000er Reihe oder so ziemlich jeder aktuellen Fujifilm APS-C Kamera, die für mich nach wie vor zu den besten „Kleinen“ gehören. Ich rede hier ausschließlich von meiner eigenen subjektiven Meinung als professioneller Produktfotograf. :)