Lohnt sich eine Fotografen-Ausbildung?

Genau diese Frage stellte ich mir Ende 2014. Ich studierte zu diesem Zeitpunkt Biologie und Chemie auf Lehramt und hatte, vorausgesetzt ein erfolgreicher Abschluss nach neun Semestern, die wohl sichersten Aussichten auf einen garantierten Arbeitsplatz beim deutschen Staat inklusive Verbeamtung. Doch warum einen sicheren Job, gute Bezahlung und viele freien Tage (obwohl das Lehrer natürlich gar nicht gerne hören) aufgeben?

Eines meiner frühen Fotoprojekte - Früchte im Sprudelwasser

Eines meiner frühen Fotoprojekte - Früchte im Sprudelwasser

Wie alles anfing
Die Fotografie bewegte mich schon lange vor meinem Studium. Bereits während meiner Schulzeit war die Kamera ein ständiger Begleiter. Fast jedes Wochenende war ich unterwegs, machte Fototouren und bearbeitete Bilder. Auf keiner Party tauchte ich ohne Kamera auf und es entstanden viele lustige Schnappschüsse, die nicht viel mit „Kunst“ zu tun hatten. Während dieser Anfangszeit hatte ich auch im Grunde keine Ausgaben für mein Hobby. Die Kamera lieh ich mir von meinem Papa und nutzte quasi für alle Motive ein 18-200mm Reisezoom-Objektiv von Tamron. Kurz gesagt: Die Fotografie war ein sehr ausgedehntes Hobby von mir.

Im Studium weitete sich diese Begeisterung noch aus. Autodidaktisch brachte ich mir Blende, Verschlusszeit und ISO bei, schaute viele Tutorials auf einschlägigen Videoplattformen und kaufte mir Fachbücher. Je tiefer ich in das Handwerk Fotografie eintauchte, desto mehr interessierten mich die Hintergründe, Feinheiten und technischen Details. Ich lernte viel über die Kameratechnik, wie ein Objektiv zusammengebaut war und was ein gut gestaltetes Bild ausmachte. Viele Techniken schaute ich mir bei bekannten, modernen Fotografen wie Karl Taylor und Peter Hurley ab.

Fotografie sticht Biologie
Irgendwann wurde so das Hobby zu einer echten Leidenschaft, die schwerer wog als die Liebe zur Biologie und Chemie.
Ich verbrachte mehr Zeit mit der Kamera als mit Lehrmitteln, saß länger beim Bearbeiten von Aufnahmen als im Hörsaal. Nach einigen Pro- und Contra Listen, Gesprächen mit Eltern, Freundin und Vertrauten entschied ich mich, das Studium nach sechs Semestern (immerhin drei Jahren) schweren Herzens zu beenden und meinen Weg in der Fotografie zu suchen.

Mein erster großer Auftrag - Gruppenportraits für eine Mädelsclique

Mein erster großer Auftrag - Gruppenportraits für eine Mädelsclique

Von Anfang an war mir klar, dass es ein steiniger Weg zum „Traumberuf Fotograf“ ist. Mit eigenen Bildern Geld zu verdienen, und davon auch leben zu können ist in der heutigen Zeit zwar machbar, aber aus der breiten Masse an Hobbyisten anfänglich herauszustechen eine echte Herausforderung. Noch dazu kommt gleich zu Beginn ein großer finanzieller Druck, direkt Kunden gewinnen zu müssen um überhaupt mit dem Beruf weitermachen zu können. 

Die Selbstständigkeit kam für mich daher erstmal nicht in Frage. Ich wollte mich nicht mit den Amateur-Fotografen in den Preiskampf stürzen, mich in der ersten Zeit nicht um Kundenaquise kümmern müssen und erstmal Erfahrungen im Business sammeln. Doch angestellte Fotografen sind nur noch selten zu finden. Für Sportveranstaltungen, Konzerte oder Events setzen die Verantwortlichen fast ausschließlich auf freie Mitarbeiter. Meist sind es nur noch größere Fotostudios, Verlage oder Zeitschriften, die sich den „Luxus“ eines festangestellten Fotografen leisten möchten (oder können). Und genau auf diese richtete ich mein Augenmerk in der nun unausweichlichen Jobsuche.

Um in den Fotografenberuf einzusteigen gibt es drei Möglichkeiten:
1. Als Quereinsteiger ohne Ausbildung
2. Mit einem Fotografie-Studium
3. Die klassische Fotografen-Ausbildung
 
Was zählt sind die Bilder
Alle Wege haben ihre Berechtigung. Warum? Weil man als Fotograf quasi fast ausschließlich anhand der eigenen Bilder und des eigenen Auftretens bewertet wird. Und eine Ausbildung oder Studium bieten keinesfalls eine Garantie dafür, dass die Bilder besser sind als die eines Quereinsteigers. 
Doch warum steht da oben „fast ausschließlich“? Es gibt Dinge, die man in der Ausbildung lernt, die sich ein Quereinsteiger mühsam selber beibringen oder auf die harte Tour lernen muss. 

Und das sind unter anderem: 
    - Auftreten vor und Kommunikation mit dem Kunden
    - Buchhaltung und Steuerrecht
    - Angebote kalkulieren und Rechnungen schreiben
    - Studio-Management
    - und vieles mehr. 

Bewerbungsbilder sind eine gute Möglichkeit, die Kommunikation mit dem Kunden zu üben.

Bewerbungsbilder sind eine gute Möglichkeit, die Kommunikation mit dem Kunden zu üben.

Meiner Erfahrung nach dreht sich während der Ausbildung nur etwa ein Drittel der Zeit um das tatsächliche Fotografieren. Der Rest des Berufes besteht aus Kunden-Gewinnung, Kommunikation, Ausarbeiten von Konzepten, Abrechnungen und Buchhaltung. In den Pausen kümmert man sich um das Equipment, bildet sich fort, entwickelt Bildideen und so weiter. In der Ausbildung geschieht des unter Anleitung eines erfahrenen Fotografen, der genau diese Dinge schon jahrelang macht und sein erworbenes Wissen an dich weitergibt. 

Entgegen vieler anderer Meinungen im Internet plädiere ich also in jedem Fall für eine Ausbildung oder ein Studium. Gerade die Möglichkeit, aus den zahlreichen Erfahrungen seines Ausbilders zu lernen ist von unschätzbaren Wert für die eigene Entwicklung und kann durch nichts ersetzt werden.

Allerdings, und das möchte ich am Ende des Artikels nochmals betonen, gibt es zahlreiche hervorragende Fotografen, die als Quereinsteiger erfolgreich sind. Was hier zählt sind die Liebe zur Fotografie und etwas Opferbereitschaft, auch die „private“ Zeit dem Business zu opfern. Denn wie oben bereits erwähnt: Am Ende zählen die Bilder und die Persönlichkeit des Fotografen. Ob Geselle, Meister, Bachelor, Master oder Quereinsteiger - Es gibt genügend Wege als Fotograf das zu tun, was man liebt.